Vor Kurzem brachte mein Kollege Patrick Wiederhake von einer HR-Konferenz in Paris einen Begriff mit, der mich seither beschäftigt: „Never Normal“. Zugegeben, mit Begriffen wie „New Normal“ oder „Next Normal“ konnte ich mich nie richtig anfreunden – Veränderungen sind schließlich seit jeher Teil unserer Realität. Doch „Never Normal“ beschreibt die aktuelle Situation treffend: Veränderungen folgen heute so schnell aufeinander, dass es kaum noch Phasen der Konsolidierung gibt.
Die klassische Abfolge, wie sie Kurt Lewin einst als „Unfreezing – Change – Refreezing“ beschrieben hat, scheint in der Praxis kaum noch zu gelten. Ich erlebe in Gesprächen mit HR-Verantwortlichen und Führungskräften, dass Transformationen keine Sonderprojekte mehr sind, sondern fester Bestandteil der Führungsarbeit. Die rasante Entwicklung von KI ist hierfür ein prominentes Beispiel, aber längst nicht das einzige.
Was bedeutet das konkret für Führungskräfte?
1. Vom Problemlöser zum Coach und Architekten
In Gesprächen mit Führungskräften zeigt sich immer wieder: Die Rolle, rein als Entscheider und Problemlöser aufzutreten, greift heute zu kurz. Gefragt ist die Fähigkeit, Orientierung zu geben, Potenziale im Team zu aktivieren und Räume für Zusammenarbeit zu schaffen. Wer in der Führungsrolle als Coach und Gestalter neuer Zusammenarbeitsformen agiert, setzt die wesentlichen Impulse für Innovation, Selbstwirksamkeit im Team und nachhaltige Ergebnisse. Diese Form der Führung basiert auf Vertrauen, Authentizität und einer echten Auseinandersetzung mit der eigenen Wirkung. Sie ist kein Verzicht auf Steuerung, sondern eine bewusste Erweiterung der Einflussmöglichkeiten und erfordert eine Rollenveränderung hin zum Visionär und Katalysator für Transformation und strategische Initiativen.
2. Die Doppelrolle der Führungskraft: Verantwortung für Unternehmen und Menschen
Führung umfasst heute zunehmend sowohl das Erreichen unternehmerischer Ziele als auch die aktive Begleitung von Mitarbeitenden im Wandel. Gerade in Phasen der Transformation sind es Führungskräfte, die den Unterschied machen: Indem sie strategische Vorhaben vorantreiben und gleichzeitig die Voraussetzungen schaffen, dass Mitarbeitende diesen Weg mitgehen, vorbereitet sind und sich unterstützt fühlen. Diese Doppelrolle ist anspruchsvoll und zugleich erfolgsversprechend, wenn man sie meistert. Wenn Veränderung nicht als Belastung, sondern als gemeinsamer Entwicklungspfad verstanden wird, entsteht echte Beweglichkeit und eine Kultur, die Veränderung trägt.
3. Das Ende der Komfortzone
In der Zusammenarbeit mit Kunden erlebe ich, dass Unternehmen und Teams an sogenannten ,,Komfortnischen” festhalten – eingespielten Routinen, die vertraut wirken, aber echter Veränderung im Weg stehen. Gute Führung bedeutet, ehrliche und konstruktive Gespräche über Leistung und Erwartungen nicht aufzuschieben, sondern sie zur Routine werden zu lassen, auch wenn es ungemütlich wird.
4. Nachhaltige Investition in Führungskompetenz
Ein häufig unterschätzter Punkt ist die kontinuierliche Entwicklung erfahrener Führungskräfte. Während viel in neue Führungstalente investiert wird, erhalten etablierte Führungskräfte selten ein systematisches Update ihrer Fähigkeiten. Dabei sind es gerade sie, die Veränderung entscheidend mittragen und dafür aktuelle Methoden und Werkzeuge benötigen. Deshalb empfehle ich meinen Kunden dringend, hier kontinuierlich zu investieren.
5. Resilienz ist kein Luxus mehr, sondern ein Muss
Ein weiterer entscheidender Faktor im „Never Normal“ ist die persönliche Resilienz von Führungskräften. Was früher als Modewort belächelt wurde, ist heute ein strategischer Erfolgsfaktor. Mentale Stärke und persönliche Energie sind essenziell – für den eigenen Erfolg und den des gesamten Unternehmens. Resilienz aufzubauen ist keine Option mehr, sondern ein wichtiger strategischer Hebel.
Fazit: Warum gute Führung heute wichtiger ist denn je
Gute Führung ist heute der Schlüsselfaktor für den Erfolg von Organisationen. Wer Verantwortung für Menschen und Unternehmen übernimmt, stärkt Veränderungsfähigkeit und meistert das „Never Normal“, statt an Komfortzonen zu scheitern.